geschichten

Montag, 28. Mai 2007

Donnergrollen

Aus den Augenwinkeln erkenne ich wie ein gewaltiger Lichtschwall den Himmel erhellt, kurz darauf reißerischer Donner. Nichts Ungewöhnliches in den letzten Tagen. Schwül ist es schon länger, lässt keine Überraschungen zu. Diesmal aber trete ich an das Fenster, um zu sehen, wie die Blitze den noch nicht vollständig in schwarz getränkten Himmel durchschneiden. In einiger Entfernung, über die hinterhofartigen Gärten hinweg, sehe ich in einem anderen Fenster eine Kerze aufflackern. Zwei Stockwerke weiter unten, aber etwas weiter rechts, steht auch jemand am Fenster und betrachtet den Himmel. Schnell wieder verschwunden. Keine Faszination? Haben die Kinder angefangen zu weinen? Waren seine Gedanken zu Ende gedacht?
Ich denke nun an dich. Aus keinem ersichtlichen Grund. Es ist nicht kalt, ich brauche keine Wärme. Angst habe ich auch keine, brauche niemanden, der mich beschützt. Aber was ist es dann? Diese aufgeladene Umgebung, die ein Gefühl elektrisierender Energie hinterlässt und mich ein Knistern...nur mein Knistern spüren lässt? Oder ist es der grollende Hall des Donners, der mich an das Geräusch erinnert, das meine einstürzende Welt machte, als...als du mir nicht das sagtest, was ich hören wollte.
Plötzlich wird es unerträglich am Fenster zu stehen und nachzudenken. Ich drehe mich um und versuche zu fliehen. Natürlich funktioniert es nicht... Nichteinmal meine Gedanken sind mehr frei.

Sonntag, 9. April 2006

frühlingserwachen

es ist ein so schöner tag. die sonne scheint über den dächern und schenkt dem erwachenden frühling seine kräftigen farben. ich beschließe mich der aufkeimenden lebenskraft hinzugeben und mache mich auf den weg zum stadtpark.
die hier überwinternden vögel begrüßen die ersten warmen tage mit einem munteren gezwitscher, das sie ertönen lassen, während sie scheinbar tanzend auf dem boden nach endlich wieder sichtbarem futter picken.
die spielplätze füllen sich langsam mit jungen müttern, die sich die wohligen sonnenstrahlen auf das gesicht scheinen lassen und sich kurz vom muttersein erholen, bis ihre kinder anfangen zu weinen, weil ihnen ein etwas älteres kind die sandform stibitzt hat.
junge, frischverliebte paare schlendern arm in arm durch das satte grüne gras, das genausogut blau eingefärbt sein könnte, sie würden es nicht merken, haben nur augen für sich.
eine gruppe jugendlicher spielt frisbee. bei jeder fast schon artistisch anmutenden einlage einer schlecht geworfenen, aber gut gefangen frisbeescheibe ertönt die kleine gruppe in tösendem applaus.
am anderen ende der wiese sitzt eine frau. sie mag nicht so in das bild des erwachenden frühlings passen. eingewickelt in einen schwarzen fetzen, den der tod ihr höchstpersönlich geschenkt haben muss, ihr gesicht versteckt unter einer kapuze. ich entschließe mich sie näher zu betrachten und gehe langsam, aber bestimmt auf sie zu. je näher ich komme, desto lauter wird ihr klagen. kein anderer scheint es zu hören. ich hocke mich vor sie.
„es tut weh!“ – „was tut ihnen weh? sie müssen mir sagen, wo es ihnen weh tut, nur dann kann ich ihnen helfen!“ – „es tut so weh.“ – „wo? wo tut es weh?“ – „überall...“ – „ich kann aber nichts erkennen. sind sie gestürzt? was tut ihnen weh? ihr rücken? tut ihnen ihr rücken weh?“ – „nein…das ist es nicht. es tut hier“ – sie berührte mit ihrer geballten hand die stelle an ihrem körper, unter der ihr herz war – „weh.“ sie sah mich mit ihrem durchdringenden schmerzvollen blick an. ich versuchte mich aus der starre zu lösen, in die mich ihr blick versetzte. nach einer gewissen zeit, die sich mit sicherheit länger anfühlte, als sie es tatsächlich war, blinzelte ich und im nächsten moment war die frau verschwunden…
sie hatte recht, es tat dort weh.

Sonntag, 15. Januar 2006

sie

was die leute über sie dachten war klar. sie hielten sie für einen eigenartigen menschen. so kalt und nicht wirklich umgänglich, um nicht zu sagen, ein arschloch. oder eine arschlochin, wie es ja heute politisch korrekt heißen muss.
es ist ja auch verständlich. immer hatte sie ein ernstes gesicht, das irgendwie eingebildet wirkte. wenn man wollte konnte man sich auch einbilden, sie gucke düster drein und hasste einen. und auch was sie immer sagte. sie war immer dagegen und musste auf ihrer meinung beharren, egal ob alle anderen dagegen waren oder nicht. kompromisse gab es keine. oder kaum. aber immer liefen die gespräche darauf hinaus, dass sich mindestens einer auf den schlips getreten fühlte…und das war nicht sie. die leute entwickelten die angewohnheit ihr kein recht mehr zu geben, auch wenn sie die besseren argumente hatte. nur aus prinzip. so einer arschlochin muss man doch zeigen, wo es langgeht. „die“, sagten die leute „ist zurecht eine einzelgängerin.“
nie wären sie auf die idee gekommen zu hinterfragen, warum sie so war wie sie war. nie wären sie auf die idee gekommen, dass sie etwas verloren hat. nie wären sie auf die idee gekommen, dass sie sich nur versteckte. versteckte? wovor? wovor kann sich so eine junge frau schon verstecken? vor dem blühendem leben? vor dem blühendem leben…nein, das war es sicher nicht. sie versteckte sich vor den dingen, die ihr stück für stück ihre seele entrissen. versteckte sich vor ersten großen lieben, die ihr das herz brachen. versteckte sich vor freunden, die sie enttäuschten. versteckte sich vor immer mehr menschen, die ihr etwas nehmen wollten. was sie wollten? sie wollten ihr vertrauen. sie wollten, dass sie es ihnen zeigte, um dann in einer schnellen bewegung ein stück abzuschneiden und an das eigene ego zu nähen. für sie hatte kein mensch es verdient von ihr geliebt zu werden. sie würden ihr alle irgendwann das messer ins herz stoßen, so dachte sie. liebschaften, freunde, sogar die familie. niemand hatte mehr ihr vertrauen verdient. dabei wollte sie nichts sehnlicher als nicht mehr alleine zu sein!
‚wie klischeehaft’, dachte der ältere herr.
‚sie hat es richtig gemacht. sie wollte es wohl wirklich…’, dachte sein jüngerer kollege.
‚warum hast du das getan?’ er hielt ihren brief in der hand, den er wenige minuten zuvor in seinem briefkasten fand. tränen standen in seinen augen. ‚ich habe dich geliebt. ich wollte nichts anderes als in deiner nähe sein. du warst nicht allein.’ er dachte, er hatte sich ihr genähert. er dachte, er würde sie verstehen. er dachte, sie würde ihn genauso mögen wie er sie.
das letzte, was sie dachte, bevor sie die klinge ansetzte, war: ‚du wirst mir nicht mein herz rausreißen!’

strassenbahnfahrt

jepp, die erde ist doch 'ne scheibe. ich habe es gewagt trotz dringendster warnungen gottesfürchtiger zeitgenossen zu erkunden was auf der anderen seite der elbe sich wohl befindet. um dies zu tun kaufte ich mir ein billet für die strassenbahn und als der verkäufer, der automat sürzte nach der eingabe meines fahrziels ab, die antwort auf seine frage nach dem wohin hörte ward er kreidebleich.

noch dachte ich mir nichts bei dem absturz des automaten, schliesslich kam mir mal zu gehör dass er auf der basis von win95 arbeitet, und in meinem hochmut tat ich die gesichtsfarbe von jaques, so hiess der verkäufer laut seinem namensschild, als folge eines albernen aberglaubens der hiesigen eingeborenen in unheilvoller kombination mit dem lesen eines weit verbreiteteten täglich publizierten printmediums mit viel bild und wenig text ab. wie närrisch es war dies zu tun sollte sich erst noch zeigen.

nun sass ich also recht unbeeindruckt an der haltestelle und wartete auf den zug der linie 43. sie fährt nur alle 3,14 h, was ein sehr merkwürdiger rhythmus ist und da noch zeit bis zur nächsten bahn war las ich hunter s. thompson's "fear and loathing in las vegas". seit ich nach einem kleinen, ja nahezu albernen unfall stunden zumeist wartend in der notaufnahme verbrachte habe ich immer ein buch am mann. meistens benötige ich es nicht, da meine tramfahrten in der regel nicht allzu lang sind und ich seither auch nicht wieder weder eines albernen noch eines ernsten unfalls wegen in eine notaufnahme musste, doch in situationen wie dieser bin ich recht froh darüber. hin und wieder blickte ich hoch von meinem buch und liess die blicke schweifen. die übliche szenerie: kerle mit den hierzulande immer noch hochmodischen gürteltaschen, die dazugehörigen tussis die wohl längst von ihren kerlen verkloppt wurden wären wäre ihre hautfarbe auch nur ansatzweise echt, beide gruppen auf schuhen unterwegs, deren sohlen mit ihrer breite den eindruck erwecken, dass ihre träger wohl irgendwas kompensieren müssen, in schwarz gekleidete schulmädchen, manchmal zur abwechslung auch im che-guevara-t-shirt, mit tonnenweise lidschatten im gesicht, mit nietengürteln und alle mit denselben hochindividuellen nirvana- und limp bizkit-aufnähern auf ihren taschen, ein paar studenten die mit stativ und kamera herumdilettieren, darüber debattierend ob sie diese einstellung jetzt noch drehen müssen oder nicht, motorradpolizisten die radfahrer wegen nichtigkeiten zutexten und um dies tun zu können selber alle möglichen verkehrsregeln brechen,... ich merke gerade ich schweife ab, um es kurz zu machen: ein ganz normaler schöner sonniger tag im altweibersommer eben.

doch dann, gerade als raoul duke von der staubigen angelegenheit des starts des mint 400 berichtet, herrschte auf einmal eine alles erdrückende stille. es wurde urplötzlich kühl und windig. die sonne blieb, aber es wurde eben kühl. und windig. ich ärgerte mich schon keine jacke mitgenommen zu haben, jedoch ein blick auf die uhr, deren sekundenzeiger sich langsamer drehte als er es für gewöhnlich zu tuen scheint, offenbarte mir dass ich bald in der strassenbahn sitzen werde, in der es vielleicht nicht wärmer sein wird, die mir aber auf jeden fall schutz vor dem wind bietet. ein blick nach links bestätigte dies, doch auch das rumpeln der strassenbahn und das quietschen ihrer bremsen vermochte die stille nicht zu brechen, wie es überhaupt schien, dass sie nicht fuhr sondern vielmehr ihre gleise entlang schwebte. ich erhob mich von meinem platz und ging zur kante des bahnsteiges. beim näherkommen der bahn fiel mir auf, dass man das gesicht des fahrers nicht sehen konnte. man sah nichts als eine grosse dunkle kapuze. als die fahrerkabine an mir verbeischwebte, drehte sich der fahrer oder die fahrerin oder was auch immer zu mir um, dennoch konnte ich das gesicht nicht erblicken. ich weiss nicht ob es eine täuschung war, aber es schien mir als sei die kapuze nur mit luft gefüllt gewesen.

ich betätigte den knopf, der mir die tür öffnet, und stieg ein. die strassenbahn war ungewohnt sauber, und ganz in der nähe der tür sass ein clochard, der im rausche roten weines und dennoch sehr schön "port of amsterdam" sang und sich dazu selbst auf seinem akkordeon begleitete. obwohl es sehr schön war konnte ich dieses lied nicht wirklich geniessen, irgendwie war es trotz der nähe des mannes über dessen lippen und hände es sich in den fahrgastraum ergoss und dessen rotweinduft mir in die nase kroch so unheimlich weit weg.

ich setzte mich auf den einzigen noch freien platz in der bahn neben einen mann. er wirkte, so starr und stumm wie er dasass und so wie er aussah, als wäre er eine schaufensterpuppe, und zwar eine durchsichtige, aber er war dennoch ein mensch. "ein merkwürdiger geselle" dachte ich mir noch als ich beim umblicken feststellen musste dass die ganze bahn voll war von diesen duchsichtigen schaufensterpuppen, die dennoch menschen sind. wobei es jedoch nur je ein frauen- und ein männer-schaufensterpuppenmodell gab. die türen schlossen sich und los ging die reise. ich war aufgeregt als sich die bahn auf die grosse alte wilhelminische eisenbahnbrücke zubewegte, schliesslich war ich schon oft an ihrem anfang vorbeigegangen, doch ihr ende sah ich noch nie.

wir sind schon eine viertelstunde auf dieser brücke gefahren, da ruckte es plötzlich, wo doch die fahrt sonst so unwahrscheinlich ruhig war. beim blick aus dem fenster sah ich dann endlich das ende der brücke, doch hier war nicht etwa das andere ufer, nein, das ding endete mitten auf der elbe! während ich so aus dem fenster sah und darauf wartete, mit der tram in die bräunliche brühe einzutauchen, was jedoch schon recht lange auf sich warten liess, stellte ich fest, dass wir inzwischen an einem wahnsinnnig grossen elefanten vorbeiflogen. ich erinnerte mich an die alte legende wonach die erde eine scheibe auf dem rücken dreier riesiger elefanten sei, die ihrerseits den rücken einer noch viel grösseren, in einem ozean schwimmenden schildkröte beanspruchen. "scheisse!" dachte ich,

"ICH BIN VOM PLANETEN GEKIPPT!"

maybe to be continued, maybe not

[hinweis: ich habe diese geschichte schon vor einiger zeit geschrieben und zuerst auf meiner alten, damaligen homepage veröffentlichen]

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